Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur präsentiert ab dem 28. September zwei neue Ausstellungen in ihren Räumen:

Analogien – Bernd & Hilla Becher, Peter Weller, August Sander
Photographische Industrielandschaften, Architekturen und Porträts

Eine Ausstellung der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln
in Kooperation mit dem Studio Becher und der Landeshauptstadt Düsseldorf  (Raum 1)

zeitgleich in Raum 3+4: 

Martin Rosswog: In Portugal 2009–2011,
Photographien aus Alentejo und Trás-os-Montes

Eine Ausstellung der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln,
in Zusammenarbeit mit dem Künstler

 

Laufzeit: 28.9.–8.11.2020 (ohne Eröffnung)

Pressepreview am Montag, 28. September um 11 Uhr (bitte akkreditieren Sie sich online zum Presserundgang: Zum Anmeldeformular)

 


Peter Weller:
 Marienhütte bei Eiserfeld/Sieg, 1909-1914. Courtesy Die Photographische Sammlung/
SK Stiftung Kultur, Köln in Zusammenarbeit mit dem Siegerländer Heimat- und Geschichtsverein e. V.

 

Die Ausstellung „Analogien“ zeigt inhaltliche und methodische Korrespondenzen im Schaffen von Bernd und Hilla Becher, Peter Weller und August Sander auf.

Die dokumentarische Beschreibung von Industrielandschaften im Westerwald und im Siegerland findet sich im systematischen Schaffen von Peter Weller und zugleich auch in jenem von Bernd und Hilla Becher wieder, sogar motivische Analogien können veranschaulicht werden. Das Serielle ebenso wie der typologische Blick auf die Wirklichkeit kennzeichnet zudem die empathischen wie analytischen Porträtphotographien von August Sander. Von ihm werden nicht allein Handwerker- und Arbeiterporträts gezeigt, sondern auch solche, die in seiner Heimatgegend im Siegerland, so in der kleinstädtischen und industriell geprägten Ortschaft Herdorf, entstanden und weitgehend unbekannt sind.

Die Photographien von Peter Weller und August Sander, deren für diese Ausstellung ausgewählten Arbeiten in die ersten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts fallen, begeisterten Bechers nachweislich bereits in den Anfängen ihrer Arbeit in den frühen 1960er-Jahren. Wellers Negativarchiv im Eigentum des Siegerländer Heimat- und Geschichtsvereins hatten sie in Bernd Bechers Heimatort Siegen entdeckt und Sanders Erstpublikation Antlitz der Zeit (1929) war ihnen schon seit längerem zur photographischen „Pflichtlektüre“ geworden. Während Peter Weller, der sich aus freien Stücken vor allem für die Dokumentation von Bergwerken und Hüttenanlagen im Siegerland und Westerwald einsetzte, vergleichsweise weniger bekannt ist, gehört August Sander zu den großen Namen der Photographiegeschichte, eine Persönlichkeit, die ganz unmittelbar mit seinem Porträtwerk „Menschen des 20. Jahrhunderts“ in Verbindung gebracht wird.

Die Ansichten des Photographen Peter Weller (* 1868 in Hommelsberg, Kreis Altenkirchen, † in 1940 Düsseldorf) entstanden ab 1900 bis in die Anfänge des Ersten Weltkriegs (1914–1918). Sachlich präzise führte er die Berg- und Hüttenwerke vor Augen, die seinerzeit ganz wesentlich die Identität und den Stolz der Region ausmachten. Denn ihr Bodenschatz, das Eisenerz, und die daraus gewonnenen hochqualitativen Eisen- und Stahlprodukte sorgten in der Gegend über Jahrzehnte hinweg für eine hohe, auch internationale Anerkennung. Wellers Photographien, die ein anschauliches Bild der besonderen Landschaft zwischen Natur und Industrie vermitteln, sind Ansichten eines Menschen, der seine Motivwelt von Kindesbeinen an erlebt hatte und wertschätzte. Die Bedeutung Wellers Photographien, insbesondere ihre methodischen, über den reinen Regionalbezug hinausreichenden Voraussetzungen wurden seit den 1970er-Jahren erkannt. Dies vor allem dadurch, weil auf Hinweis von Bernd und Hilla Becher Ansichten von Peter Weller als Neuabzüge auf der documenta 6 (1977) einbezogen wurden.

Die Exponate von Bernd und Hilla Becher (* 1931 in Siegen, † 2007 in Rostock / * 1934 Potsdam, † 2015 Düsseldorf) gehen sämtlich auf Aufnahmen aus dem Siegerland zurück, photographiert zwischen 1961 und 1972, wobei die Entscheidung für die Ausführung der Abzüge im Format von 50 x 60 cm auf die Zeit Ende der 1980er-Jahre zurückgeht. Gezeigt werden sowohl Beispiele zum Thema der Fachwerkhäuser, als auch zu den Industrielandschaften. Die Arbeit der Bechers im Siegerland ist zu Teilen biographisch motiviert, da Bernd Becher aus Siegen stammte, und seine Bildwelt früh vom industriellen Umfeld, den komplexen Hütten- und Bergwerksanlagen dieser Gegend inspiriert war. Zunächst richtete sich ab 1959 die gemeinsame Arbeit des Künstlerpaars auf das Thema der Fachwerkhäuser aus dem industriellen Lebensumfeld, wobei die Bauten so systematisch präzise wie wirklichkeitsnah veranschaulicht werden sollten. Daraus resultierte zum einen eine formal stringente Bildsprache, zum anderen ein Bildkonvolut, das Zeugnis eines hohen Geschichtsbewusstseins ist.

Das Serielle ebenso wie der typologische Blick auf die Wirklichkeit kennzeichnet zudem die empathischen wie analytischen Porträtphotographien von August Sander (* 1876 in Herdorf, † 1964 in Köln). Von ihm werden nicht allein Bauern-, Handwerker- und Arbeiterporträts sowie Bildnisse von Kleinstädtern aus seinem Kulturwerk „Menschen des 20. Jahrhunderts“ gezeigt –  die „Jungbauern“, der „Konditor“ oder auch das Motiv „Handlanger“ sind legendär –, sondern auch solche, die in seiner Heimatgegend im Siegerland, so in der kleinstädtischen Ortschaft Herdorf, aufgenommen worden sind und für viele eine Entdeckung sind.

Biographie und Werkgenese liegen auch bei August Sander nah beieinander. So finden sich in seinem berühmten Opus Magnum „Menschen des 20. Jahrhunderts“ sehr viele Personen wiedergegeben, die er über längere Zeit kannte oder mit denen er gelegentlich sogar verwandt war. Bereits in der Frühzeit in seinem Heimatdorf Herdorf präferiert der 16‑jährige Autodidakt im Gegensatz zu vielen professionell tätigen Berufsphotographen das Porträtieren in der Natur, im Zuhause oder am Arbeitsplatz der Menschen.

Die Photographien von Peter Weller sind Neuabzüge, die unter Begutachtung von Bernd & Hilla Becher entstanden und teilweise zum ersten Mal ausgestellt werden. Die Neuabzüge, die Motive von August Sander vorstellen, entstanden in Zusammenarbeit mit dem Enkel des Photographen Gerd Sander und des Weiteren in Eigenregie der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur. Einige Sander-Motive werden in der aktuellen Ausstellung erstmals präsentiert. Die Photographien von Bernd und Hilla Becher sind Neuabzüge aus dem Studio Becher, unter der Leitung von Max Becher.

Die Ausstellung wurde vorab im Kunstarchiv Kaiserswerth (Düsseldorf) gezeigt und bekommt nun in Köln eine zweite Station, um sie einem größeren Personenkreis zugänglich zu machen. Aufgrund der anders geschnittenen Räumlichkeiten wurde die Präsentation um einige Exponate erweitert.

 

Martin Rosswog: In Portugal 2009–2011,
Photographien aus Alentejo und Trás-os-Montes


Martin Rosswog: Küche von Maria del Carmen Garcia de Figueiredo, Barrancos,
Portugal, 2009 © Martin Rosswog, VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Seit den 1980er-Jahren arbeitet der Photograph und Filmemacher Martin Rosswog (* 1950) an seinem Langzeitprojekt, das sich den Wohn- und Lebensräumen im ländlichen Bereich widmet. Mit großem persönlichem Einsatz hat Rosswog seither zahlreiche Regionen in Europa bereist, war in kleinen, teils entlegenen Dörfern und Ansiedlungen, um möglichst authentische, traditionelle landwirtschaftlich oder handwerklich geprägte Lebensweisen aufzuspüren – ohne die Einflüsse der modernen Globalisierung außer Acht zu lassen.

Die aktuelle Ausstellung zeigt eine Auswahl aus mehreren in Portugal erarbeiteten photographischen Reihen. Zwei sind in Barrancos entstanden, eine Kleinstadt in der südlichen Region Alentejo, unmittelbar an der spanischen Grenze gelegen. Die Geschichte des Alentejo, portugiesisch „jenseits des (Flusses) Tejo“, ist gekennzeichnet durch vermögende Großgrundbesitzer, in deren Diensten Landarbeiter und Tagelöhner oft unter prekären Bedingungen tätig waren. Das Klima ist vor allem im Süden sehr trocken und heiß, entsprechend aufwendig die Bearbeitung des Bodens, entsprechend karg die Ernte. Man mag angesichts Rosswogs Ansichten an „Hoffnung im Alentejo“, den Roman des Nobelpreisträgers für Literatur José Saramago denken, der am Beispiel einer Familie die Lebensverhältnisse dieser verarmten Schicht schildert. Heute hat sich die Situation vielfach verbessert, Tourismus und Investoren aus dem Ausland haben Einzug gehalten.

Auf einem Anwesen von ehemaligen Großgrundbesitzern hat Martin Rosswog eine Wohnung photographiert, die von Maria del Carmen Garcia de Figueiredo und ihrer ehemaligen Hausangestellten Maria Teresa Neves Carualho bewohnt wird. Rosswog hat in Barrancos und Umgebung insgesamt vier verschiedene Anwesen von Großgrundbesitzern umfassend dokumentiert. Im Gegensatz zu diesen reich ausgestatteten Räumen und Gebäuden, die von Wohlstand und Standesbewusstsein über Generationen zeugen, erscheint das Haus von Maria José Caçador Bergamo wesentlich bescheidener. Doch so beengt die Räume wirken, in den einfühlsamen Aufnahmen von Martin Rosswog, durch sein Gespür für Komposition und seinem Blick für Details, fächert sich ein persönlicher Kosmos mit familiären Erinnerungsstücken und Verweisen auf die alltäglichen Lebensbedingungen detailreich auf.

Zwei weitere in der Ausstellung vorgestellte Bildreihen sind in der Region Trás-os-Montes entstanden, die sich im Nordosten Portugals, an der Grenze zum spanischen Galizien befindet. Die Photographien von Martin Rosswog zeigen zwei Wohnungen in den kleinen Bergdörfern Vale de Algoso und Vilar Chá. Das „Land hinter den Bergen“ hat historisch eine andere wirtschaftliche Struktur als der Alentejo im Süden. Kein Großgrundbesitz, sondern viele Kleinbauern bearbeiten das Land, teils bis heute in althergebrachter Art und Weise. Dennoch haben in den 1960er-Jahren viele das Land verlassen, um sich etwa in Frankreich oder der Schweiz Arbeit zu suchen. Spätestens als Rentner sind sie teils wieder zurückgekehrt.

Ein von der EU gefördertes Projekt unterstützt den baulichen Erhalt landestypischer Gehöfte und die Erforschung traditioneller, bäuerlicher Anbaumethoden. Eine Mitarbeiterin des Projektes hat den Photographen über einen längeren Zeitraum bei seiner Arbeit ratgebend begleitet. Beide der langen Dokumentationsreisen in die Regionen von Portugal, die Martin Rosswog unternommen hat, wurden vorbereitet und gefördert vom Departamento de Antropologia, Universidade NOVA de Lisboa, Lissabon. Die Stadt Barrancos unterstützte das Projekt durch eine Assistentin, mit der Martin Rosswog gemeinsam die zu photographierenden Häuser aussuchte.

Martin Rosswog arbeitet in systematisch angelegten Bildreihen, in denen er jeweils ein vorgefundenes Haus oder Gehöft dokumentiert. Ein Portrait der Bewohner gehört dazu, Außenansichten des Gebäudes und des Grundstückes und schließlich die Ablichtung der Innenräume mit näher betrachteten Details. Er verwendet zumeist eine Großbildkamera, bevorzugt Farbe. Für Schwarz-Weiß entscheidet sich Rosswog bisweilen bei Außenansichten des Ortes oder der umgebenden Landschaft. So ist im Laufe der Jahrzehnte ein beeindruckendes künstlerisches Werk entstanden, das eine Welt vor Augen führt, die teils über Jahrhunderte die Lebenszusammenhänge geprägt hat und nun mehr und mehr im Verschwinden begriffen ist.

Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur hat Martin Rosswogs beeindruckendes Werk bereits 2015 in einer Retrospektive und mehrfach in Gruppenausstellungen gezeigt, die hauseigene Sammlung umfasst zahlreiche Werke aus seinem Archiv.

 

 

Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Im Mediapark 7, 50670 Köln, Tel.: +49 221/888 95 300, E-Mail: photographie@sk-kultur.dewww.photographie-sk-kultur.de

Die Ausstellung ist unter Einhaltung der Hygieneschutzmaßnahmen und Mindestabstände geöffnet täglich außer mittwochs von 14 bis 19 Uhr Onlinetickets können auf der Website www.sk-kultur.de erworben werden.

Eintritt: 5,50 € (ermäßigt 3 €), Eintritt: 5,50 € (ermäßigt 3 €), plus Online-Verkaufsgebühr, erster Montag im Monat freier Eintritt!

Sonntags um 15 Uhr finden öffentliche Führungen mit begrenzter Teilnehmerzahl (max. 10 Personen) und unter Berücksichtigung der Hygieneregeln durch die Ausstellung statt. Onlinetickets hierfür können auf der Website www.sk-kultur.de erworben werden.

Donnerstag, 8.10. um 18 Uhr Kuratorinnenführung; Donnerstag, 15.10. und Dienstag, 3.11., jeweils 17 Uhr, öffentliche Führung „Studenten für Studenten“, jeweils max. 10 Personen, Onlinetickets unter www.sk-kultur.de