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Der Bestand ist ein schlafender Riese

Lena Raizberg, Leiterin Architektur Berlin, Arup

Berlin, den 16. Dezember 2020 – Während sich die Klimaziele im Neubau vergleichsweise einfach erreichen lassen, stellen sie im Bereich des Bestandes, der rund 90 Prozent der Gebäude ausmacht, eine große Herausforderung dar. Wie also kann der Spagat aus Energieeinsparung, CO2-Reduzierung, Ressourcenschonung und Qualitätssteigerung in der Bestandssanierung gelingen?

Ohne zusätzliche Anstrengungen lassen sich die Klimaziele bis 2050 nicht erreichenLaut Prognosen des Öko-Instituts werden die Treibhausgasemissionen 2030 voraussichtlich 17 Mio. Tonnen über dem angestrebten Wert von 70 Mio. Tonnen liegen. Hoffnung machen die Konjunkturpakete der Bundesregierung und der EU. Wenn wir diese Mittel konsequent in die Zukunft unserer Städte und die Transformation unserer Wirtschaft investieren, kann die aktuelle Coronakrise den Weg in die Klimaneutralität beschleunigen. Die entsprechenden technischen Lösungen sind vorhanden. Wichtig ist, dass die Maßnahmen jetzt rasch umgesetzt werden.

Ein wesentlicher Hebel zur CO2-Reduzierung ist der rund 22 Millionen Gebäude umfassende Bestand. Obwohl Nichtwohngebäude mit 2,7 Millionen zahlenmäßig nur einen kleinen Teil des Gebäudebestandes ausmachen, sind sie aufgrund ihrer großen Fläche für 36 Prozent des Gebäudeenergieverbrauchs verantwortlich. Wenn man bedenkt, dass 66 Prozent aller Fassaden ungedämmt sind und 70 Prozent der Anlagentechnik nicht mehr dem modernen Stand der Technik entsprechen, kann man sich ausrechnen, welches Einsparpotenzial im Bereich von Büro- und Gewerbebauten vorhanden ist.

Sanierung ist immer die nachhaltigere Lösung

Im Stadtbild finden sich viele ausgediente Büro- und Gewerbebauten, die seit Jahren leer stehen. Viele sind in so schlechtem Zustand, dass ein Ersatzneubau unvermeidlich scheint.

Doch Abriss ist angesichts der grauen Energie und der Ressourcen, die im Bestand stecken, immer die schlechteste aller Alternativen. Neben den Vorteilen für die Umwelt bietet die Revitalisierung oder Konversion oft höhere wirtschaftliche und soziale Renditen als ein Abriss und Neubau. Ein weiterer Aspekt ist das baukulturelle Erbe, dessen Erhalt einen unschätzbaren Wert für Städte und Gemeinden darstellt.

Ein Patentrezept gibt es nicht. Für jedes Projekt muss ein individueller Sanierungsfahrplan erarbeitet werden, der sich am Zustand des Gebäudes, dem Standort und den Vorstellungen des Bauherrn orientiert. Aber es gibt Hebel, an denen man bei jedem Sanierungsprojekt ansetzt. Das sind die Energieversorgung, die Gebäudehülle, die Gebäudetechnik und das Wassermanagement. In unserer Publikation „Transform & Reuse“ haben wir anhand von 17 Projekten beschrieben, wie Bestandsgebäude mit intelligenten Lösungen fit für die Zukunft gemacht werden können. Die Ergebnisse sprechen für sich: Teilweise konnten die ursprünglichen CO2-Emissionen um bis zu 70 Prozent reduziert werden, die Kosten lagen zwischen 10 und 75 Prozent unter denen eines Abrisses und die Projekte stehen dem Markt schneller wieder zur Verfügung als dies bei einem Neubau der Fall gewesen wäre.

Re-Use rechnet sich

Mit 51,7 Milliarden Tonnen Baumaterialien ist der Bestand unser größtes Rohstofflager. Würden diese Materialien konsequent wiederverwendet, wäre der jährliche Bedarf an Rohstoffen um 30 Prozent niedriger als er heute ist. Wie viele Ressourcen sich in Sanierungsprojekten wirklich wiederverwenden lassen, hängt vom Einzelfall ab. Beim 2019 fertiggestellten Bürogebäude 1 Triton Square in London konnten wir 3.300 m2 Kalkstein, 35.000 Tonnen Beton und 1.900 Tonnen Stahl wiederverwenden. Statt die Fassade komplett zu erneuern, haben wir 3.500 m2 alte Fassaden-Paneele mit Kohlefasern umwickelt. Eine Maßnahme, die im Vergleich zu einer neuen Fassade 1.270 Tonnen CO2 und 66 Prozent Kosten eingespart hat. In Summe aller Maßnahmen haben wir mehr CO2 eingespart, als das Gebäude in den nächsten 40 Jahren ausstoßen wird.

Keine Frage, die Sanierung von Bestandsgebäuden ist aufwendig und birgt Planungsrisiken. Um den Aufwand realistisch einschätzen zu können, bedarf es einer soliden Planungsgrundlage. Und genau diese fehlt bei vielen Bestandsgebäuden. Deshalb empfiehlt es sich, Bestandsgebäude in einem 3D-Modell zu erfassen und damit BIM-tauglich zu machen. Auf diese Weise lassen sich verschiedene Sanierungsvarianten durchspielen, etwaige Planungsrisiken abschätzen und die zu erwartenden Kosten fundiert berechnen.

Wer mehr über das Thema erfahren möchte, ist herzlich eingeladen, sich unseren Arup Experten-Podcast anzuhören. In Folge 6 diskutiere ich mit meinen Kollegen Ulrike Elbers, Expertin für die Tragwerkplanung, und Ivan Acosta, Spezialist für die Nachhaltigkeit von Gebäuden, über besondere Aspekte der Bestandssanierung, wie tragwerktechnische Ertüchtigung, technische Gebäudeausstattung, Schadstoffbeseitigung und Brandschutz.

Lena Raizberg, Leiterin Architektur Berlin, Arup

Berlin, den 16. Dezember 2020 – Während sich die Klimaziele im Neubau vergleichsweise einfach erreichen lassen, stellen sie im Bereich des Bestandes, der rund 90 Prozent der Gebäude ausmacht, eine große Herausforderung dar. Wie also kann der Spagat aus Energieeinsparung, CO2-Reduzierung, Ressourcenschonung und Qualitätssteigerung in der Bestandssanierung gelingen?

Ohne zusätzliche Anstrengungen lassen sich die Klimaziele bis 2050 nicht erreichenLaut Prognosen des Öko-Instituts werden die Treibhausgasemissionen 2030 voraussichtlich 17 Mio. Tonnen über dem angestrebten Wert von 70 Mio. Tonnen liegen. Hoffnung machen die Konjunkturpakete der Bundesregierung und der EU. Wenn wir diese Mittel konsequent in die Zukunft unserer Städte und die Transformation unserer Wirtschaft investieren, kann die aktuelle Coronakrise den Weg in die Klimaneutralität beschleunigen. Die entsprechenden technischen Lösungen sind vorhanden. Wichtig ist, dass die Maßnahmen jetzt rasch umgesetzt werden.

Ein wesentlicher Hebel zur CO2-Reduzierung ist der rund 22 Millionen Gebäude umfassende Bestand. Obwohl Nichtwohngebäude mit 2,7 Millionen zahlenmäßig nur einen kleinen Teil des Gebäudebestandes ausmachen, sind sie aufgrund ihrer großen Fläche für 36 Prozent des Gebäudeenergieverbrauchs verantwortlich. Wenn man bedenkt, dass 66 Prozent aller Fassaden ungedämmt sind und 70 Prozent der Anlagentechnik nicht mehr dem modernen Stand der Technik entsprechen, kann man sich ausrechnen, welches Einsparpotenzial im Bereich von Büro- und Gewerbebauten vorhanden ist.

Sanierung ist immer die nachhaltigere Lösung

Im Stadtbild finden sich viele ausgediente Büro- und Gewerbebauten, die seit Jahren leer stehen. Viele sind in so schlechtem Zustand, dass ein Ersatzneubau unvermeidlich scheint.

Doch Abriss ist angesichts der grauen Energie und der Ressourcen, die im Bestand stecken, immer die schlechteste aller Alternativen. Neben den Vorteilen für die Umwelt bietet die Revitalisierung oder Konversion oft höhere wirtschaftliche und soziale Renditen als ein Abriss und Neubau. Ein weiterer Aspekt ist das baukulturelle Erbe, dessen Erhalt einen unschätzbaren Wert für Städte und Gemeinden darstellt.

Ein Patentrezept gibt es nicht. Für jedes Projekt muss ein individueller Sanierungsfahrplan erarbeitet werden, der sich am Zustand des Gebäudes, dem Standort und den Vorstellungen des Bauherrn orientiert. Aber es gibt Hebel, an denen man bei jedem Sanierungsprojekt ansetzt. Das sind die Energieversorgung, die Gebäudehülle, die Gebäudetechnik und das Wassermanagement. In unserer Publikation „Transform & Reuse“ haben wir anhand von 17 Projekten beschrieben, wie Bestandsgebäude mit intelligenten Lösungen fit für die Zukunft gemacht werden können. Die Ergebnisse sprechen für sich: Teilweise konnten die ursprünglichen CO2-Emissionen um bis zu 70 Prozent reduziert werden, die Kosten lagen zwischen 10 und 75 Prozent unter denen eines Abrisses und die Projekte stehen dem Markt schneller wieder zur Verfügung als dies bei einem Neubau der Fall gewesen wäre.

Re-Use rechnet sich

Mit 51,7 Milliarden Tonnen Baumaterialien ist der Bestand unser größtes Rohstofflager. Würden diese Materialien konsequent wiederverwendet, wäre der jährliche Bedarf an Rohstoffen um 30 Prozent niedriger als er heute ist. Wie viele Ressourcen sich in Sanierungsprojekten wirklich wiederverwenden lassen, hängt vom Einzelfall ab. Beim 2019 fertiggestellten Bürogebäude 1 Triton Square in London konnten wir 3.300 m2 Kalkstein, 35.000 Tonnen Beton und 1.900 Tonnen Stahl wiederverwenden. Statt die Fassade komplett zu erneuern, haben wir 3.500 m2 alte Fassaden-Paneele mit Kohlefasern umwickelt. Eine Maßnahme, die im Vergleich zu einer neuen Fassade 1.270 Tonnen CO2 und 66 Prozent Kosten eingespart hat. In Summe aller Maßnahmen haben wir mehr CO2 eingespart, als das Gebäude in den nächsten 40 Jahren ausstoßen wird.

Keine Frage, die Sanierung von Bestandsgebäuden ist aufwendig und birgt Planungsrisiken. Um den Aufwand realistisch einschätzen zu können, bedarf es einer soliden Planungsgrundlage. Und genau diese fehlt bei vielen Bestandsgebäuden. Deshalb empfiehlt es sich, Bestandsgebäude in einem 3D-Modell zu erfassen und damit BIM-tauglich zu machen. Auf diese Weise lassen sich verschiedene Sanierungsvarianten durchspielen, etwaige Planungsrisiken abschätzen und die zu erwartenden Kosten fundiert berechnen.

Wer mehr über das Thema erfahren möchte, ist herzlich eingeladen, sich unseren Arup Experten-Podcast anzuhören. In Folge 6 diskutiere ich mit meinen Kollegen Ulrike Elbers, Expertin für die Tragwerkplanung, und Ivan Acosta, Spezialist für die Nachhaltigkeit von Gebäuden, über besondere Aspekte der Bestandssanierung, wie tragwerktechnische Ertüchtigung, technische Gebäudeausstattung, Schadstoffbeseitigung und Brandschutz.